Weihnachtspäckchen von “hüben” nach “drüben”

Besonders in der Weihnachtszeit roch es in vielen Wohnungen in der DDR ungewohnt angenehm, es duftete nach Schokolade, Kaffee, Orangen und Seife. Die kamen aus der Bundesrepublik in den Arbeiter-und-Bauern-Staat, verschickt in jährlich rund 25 Millionen Päckchen. Das DDR-Marktforschungsinstitut in Leipzig bezifferte den Wert auf etwa fünf Milliarden DDR-Mark. Allein 12.000 Tonnen Röstkaffee sollen durch die Päckchen jährlich in die DDR gekommen sein, die dadurch rund zwanzig Prozent weniger Importe brauchte. Bei der stets klammen Devisenkasse beachtlich!

Was alles auf dem Postweg in die DDR geschickt wurde, erreichte nicht komplikationslos die Empfänger. Nichts wurde dem Zufall überlassen – die DDR hat jedes Päckchen überprüft. Was aber bislang fast völlig unbekannt war: Aktenfunde und Zeitzeugenaussagen brachten ans Tageslicht, nicht nur in der DDR, sondern auch in der BRD wurden in mehreren großen Umschlagstellen Päckchen und Pakete kontrolliert , die die innerdeutsche Grenze passierten. Das hat Konstanze Soch für ihre Dissertation über den „Innerdeutschen Paketverkehr im Kalten Krieg (1949-1989)“ ermittelt. Überarbeitet und gekürzt liegt die Arbeit jetzt als interessantes Buch vor.

Die Päckchen von „hüben“ nach „drüben“ – auf der Verpackung hatte deutlich lesbar zu stehen „Geschenksendung, keine Handelsware“ – verbanden während der Teilung Deutschlands Verwandte, Freunde und Bekannte miteinander, sie waren ein wichtiger Bestandteil der deutsch-deutschen Kommunikation. Im Osten war es ein Ritual, sie im Familienkreis zu öffnen. Und zu beratschlagen, mit was man sich revanchieren könne. Als Dankeschön wurden in Richtung Westen geschickt: vor allem klassische Literatur, Schallplatten und – für die Ostler eine Rarität und vielfach nur mit Mühe zu erwerben –  kunstgewerbliche Gegenstände wie Nussknacker oder regionales Backwerk wie Stollen und Baumkuchen.  Für Geschichtsinteressierte ein interessantes Buch, Jüngere dürften viel Hintergrundwissen von den Älteren benötigen, um das vielfach Absurde der deutsch-deutschen Geschichte zu verstehen.   B. Wurlitzer


Campus Verlag GmbH, www.campus.de, ISBN 978-3-593-50844-3, 320 Seiten, 39,95 Euro