Was uns erinnern lässt

Abseits der Wanderwege im Thüringer Wald findet Milla eine von Schutt begrabene Falltür. Sie öffnet sie und entdeckt einen eingerichteten Keller, in ihm unter anderen die Schulhefte von Christine Dressel, eins mit dem Aufsatz zum Thema „Wie stell ich mir das Jahr 2000 vor?“ Die letzten Hefte stammen aus dem Jahr 1977. Milla hat mitten im Wald zufällig die Reste des einst mondänen Hotels Waldeshöh entdeckt, das seit Jahrzehnten der Familie Dressel gehört, wie sie später feststellen wird. Dressels Forst heißt die Gegend nahe dem Rennsteig. Was ist damals, im Jahr 1977, passiert? Milla möchte mehr erfahren, sie sucht und findet Christine, die damals Vierzehnjährige, deren Zuhause das Hotel war. Autorin Kati Neumann erzählt die Geschichte der Dressels von 1945 bis 1977. Die Geschichte des Hauses als Hotel endete mit der Teilung Deutschlands, denn Waldeshöh lag plötzlich hinter Stacheldraht im militärischen Sperrgebiet. Keine Wanderer und Urlauber durften mehr kommen, doch die Dressels hofften – jede Woche putzten sie die Gästezimmer, so, als wenn am nächsten Tag Gäste eintreffen würden. 32 Jahre lang, von 1945 bis 1977, als sie innerhalb weniger Stunden ihr Hotel verlassen mussten, als es die DDR-Behörden schleiften.

Es ist eine fiktive Geschichte, „die ist aber“, so Kati Neumann in einem Interview, „symbolisch zu sehen für die vielen Familien, die aus diesen Grenzgebieten zwangsumgesiedelt wurden.“ Die Autorin schöpft aus eigenen Kindheitserinnerungen, sie sprach aber auch mit vielen Bewohnern über deren Leben. Sie kennt die Gegend gut, denn sie weilte oft bei den Großeltern im Thüringer Städtchen Sonneberg, das damals im 5 Kilometer breiten „Grenzgebiet“ lag. Um das betreten zu dürfen, benötigte sie wie alle nicht dort Wohnenden eine Sondergenehmigung. Menschen, die direkt an der sogenannten Demarkationslinie zur Bundesrepublik lebten, im 500-Meter-Schutzstreifen, wurden von den DDR-Oberen sogar zwangsumgesiedelt. Rund 30 Orte und mehr als 200 Gebäude machte man entlang der innerdeutschen Grenze dem Erdboden gleich. Das meiste wurde erst nach der deutschen Einheit bekannt, denn, so Christine im Buch: „Es war uns streng verboten, über die Deportation zu sprechen“. Diesem vielfach vergessenen Geschehen widmet sich Kati Neumanns Roman. „Ich kann dort nicht mehr hin“, sagt Christine. „Es ist noch in meinem Kopf, so wie es davor war. Und das will ich nicht ändern.“ Christine lernt es aber, loszulassen und Milla bemüht sich um Gerechtigkeit. Sie möchte, dass die Dressels ihren geraubten Besitz rückübertragen bekommen.    Wu.


HarperCollins, www.harpercollins.de, ISBN 978-3-95967-247-4,  Seiten416 Seiten, 20,00 Euro