Pro und Kontra Kreuzfahrt

Kreuzfahrtsschiffe sind schwimmende Kleinstädte mit Geschäften, Theater, Pools, Discos, Hospital und Wäscherei, manchmal Kletterwänden und Eisbahnen, vielen Restaurants, Bars, Satelliten TV, Internet und jeden Tag wacht man in einer anderen Stadt oder auf einer anderen Insel auf. Das Zimmer – auf einem Schiff  Kabine genannt – hat der Gast immer dabei, heutzutage sogar oft mit Balkon. Das lästige Koffer Ein- und Auspacken, wie auf einer Rundreise an Land, entfällt bei einer Kreuzfahrt. Immer mehr Menschen verlieben sich in diese Art des Reisens – Kreuzfahrten sind zum Massenprodukt geworden. 1980 verbrachten gerade einmal 1,4 Millionen Menschen ihren Urlaub auf See, in diesem Jahr werden 30 Millionen erwartet. Einer, der jahrelang vom Reisen auf den Weltmeeren schwärmte, ist Wolfgang Meyer-Hintrich. Doch das war einmal. In seinem neuesten Buch „Wahnsinn Kreuzfahrt“ spricht er vom „gefährlichen Massengeschäft“ und die Schiffe bezeichnet er als „Monster“ und „schwimmende Urlaubsfabriken“.

Der Tourismus boomt in allen Bereichen. Die Kreuzfahrtschiffe werden immer größer, das derzeit größte, die „Symphony of the Seas“, bietet 2.759 Kabinen auf 16 Decks. Aber auch die Hotelkomplexe an Land werden immer gewaltiger, halten die Kreuzfahrtliebhaber dagegen. Auf Platz 1 rangiert derzeit das First World Hotel in Malaysia mit 7.351 Zimmern. Overtourism („Übertourismus“) sagen die Touristiker, wenn Massen von Touristen das tägliche Leben der Einheimischen belasten wie in St. John´s in der Karibik. Der Kreuzfahrtgegner Meyer-Hentrich: “Tagsüber sieht man in der Stadt mehr Kreuzfahrttouristen als Einheimische“. Weniger Kreuzfahrtschiffe! So wird deshalb immer öfter gerufen, beispielsweise in Städten wie Venedig oder Dubrovnik, in denen sich die Besucher gegenseitig auf die Füße treten. Doch die Schiffe, manchmal bis zu fünf an einem Tag, kommen nicht wie der Blitz aus heiterem Himmel, sondern die Städte/Häfen haben es ihnen gestattet. Sie haben es demzufolge auch in der Hand, die Menschenströme umzulenken oder die Zahl der Gäste radikal zu begrenzen.  Eintrittsgelder, wie seit diesem Jahr in Venedig, werden jedoch niemanden vom Besuch abhalten. Wer eine Kreuzfahrt oder den Flug mit Übernachtung bezahlen kann, knausert nicht beim Eintritt von drei Euro. Die Zahl der Kreuzfahrtgäste zu beschränken – wie Dubrovnik im Sommer auf maximal 4000 pro Tag – scheint mir der richtige Weg zu sein.

„Dreckschleudern“ werden die Schiffe von Kreuzfahrtgegnern wie Meyer-Hentrich bezeichnet, denn die meisten von ihnen fahren mit Schweröl, dem billigen Abfallprodukt der Erdölindustrie. Jede Dreckschleuder ist eine zuviel, das wissen auch die Reedereien. Veränderungen sind an Land – man denke nur an Elektroautos oder die Diesel-Probleme – nicht von heute auf morgen zu erreichen und so ist es auch auf den Weltmeeren. Liebhaber von Kreuzfahrten zeigen auf die Aida Nova, die keine gelblichen Rauchfahnen hinter sich herzieht. Das neueste Schiff dieser Flotte fährt mit Flüssigerdgas (Liquefied Natural Gas – LNG), dem emissionsärmsten Treibstoff, der in der Schifffahrt derzeit verfügbar ist und verkörpert die Zukunft. Ab November 2019 kommt die Costa „Smeralda“ hinzu, Tui Cruises wird 2024 ihr erstes Schiff mit Flüssiggas in Dienst nehmen. „Unser Geschäft lebt von einer intakten Umwelt“, so Friederike Grönemeyer, die Pressesprecherin von Tui Cruises. Von den 50.000 gewerblichen Schiffen auf den Weltmeeren sind laut Bundesumweltamt lediglich 500 Kreuzfahrtschiffe, also rund ein Prozent. Das meeresbiologische Gleichgewicht der Ostsee beispielsweise geriet aus dem Gleichgewicht, weil sie den Anrainerstaaten Jahrhunderte als riesige Mülldeponie diente und nicht, wie Kreuzfahrtgegner suggerieren, weil dort Kreuzfahrtschiffe fahren. Alle Schiffe zusammen verursachen weltweit nur drei Prozent der Kohlendioxid-Emissionen. Dennoch müssen sie ab dem Jahr 2020, so hat es die Internationale Seeschifforganisation festgelegt, die Emissionsgrenzen bei Schwefel von 3,5 auf 0,5 Prozent senken. Um das zu erreichen, werden auch die Kreuzfahrtschiffe gegenwärtig mit sogenannten Srubbern nachgerüstet, wie das Abgasreinigungssystem heißt. Die Zukunft der Schiffahrt wird geräuschlos und emissionsfrei sein. Meyer-Hentrich möchte mit seinem Buch „die dunklen Seiten des Kreuzfahrtgeschäfts“ ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rücken. Dazu gehören auch die Verteilung der Trinkgelder wie die Bezahlung asiatischer Billiglöhner auf den Schiffen von Aida, Tui Cruisis, MSC und Costa, ferner erfährt der Leser, dass die Reedereien ihre schwimmenden Hotels in den Ländern registrieren lassen, in denen sie durch niedrige Steuern und das Vermeiden von Mindestlöhnen die höchsten Profite erzielen. So fahren alle Schiffe der Tui-Flotte unter maltesischer Flagge.

Kreuzfahrten sehe ich als eine Mischung aus Studienreise und gehobenem Club-Urlaub. Meyer-Hentrich behauptet, den Kreuzfahrern „sind die Anlaufstationen im Grund gleichgültig“, für sie stehe das Amüsement und nicht mehr das Erkunden fremder Länder im Vordergrund. 40 oder 50 bereitstehende Busse sind für ihn „das unerträgliche Zeichen dafür, dass die Ausflugsorganisatoren ganze Arbeit geleistet haben“. Für mich sind die bereitstehenden Busse und die vielen Fahrräder neben der Gangway der Beleg für großes Interesse der Reisenden, Städte und Regionen, Menschen und ihre Kultur kennenzulernen. Meyer-Hentrich im Interview mit „Zeit Online“: Die Reisenden würden „nichts anderes tun, als den Selfiestick nach oben zu halten“ und an den Buffets würden sie sich die Teller vollladen, um sie „dann aber halb voll stehen“ zu lassen. Welch ein Glück, dass bei meinen Kreuzfahrten solche Kulturbanausen kaum vertreten waren, zumindest nicht zahlreicher wie in meiner jüngsten Ferienanlage an Land.

Wer noch keine Kreuzfahrt gemacht hat und Wolfgang Meyer-Hentrich neuestes Buch liest, wird sich wohl in den Kreis der Kreuzfahrtgegner einreihen. Kreuzfahrt-Fans dagegen wird es nicht abhalten, sich weiterhin dem – laut Meyer-Hentrich – „arglosen Massenpublikum, das den Verlockungen der Kreuzfahrtindustrie nur allzu gerne erliegt“ anzuschließen. Ich habe gestern erneut eine Kreuzfahrt gebucht und einige organisierte Ausflüge gleich mit.      Bernd Wurlitzer


Chr. Links Verlag, www.christoph-links-verlag.de, ISBN 978-3-96289-031-5, 248 Seiten, 20,60 Euro