Ostwärts mit Julia Finkernagel

Der MDR sendet fleißig Julia Finkernagels Reportagen „Ostwärts – Mit dem Rucksack der Sonne entgegen“ und ich – ich gestehe es ehrlich – habe nicht eine einzige gesehen. Vierzig Filme sind seit dem Jahr 2008 entstanden – über 16 Länder hat Finkernagel mit ihrem Kameramann bereist. Wenn schon (bisher) kein Finkernagel-Film, dann aber unbedingt Finkernagel-Print-Reportagen! Also greife ich zu ihrem Buch „Ostwärts. Oder wie man mit den Händen Suppe isst, ohne sich nachher umziehen zu müssen“ und lese ihre Schilderungen. Mit elf Ländern macht uns die Journalistin vertraut und wer, wie ich, auch schon in all diesen elf Ländern Gast sein durfte, liest das mit besonderem Interesse. Erinnerungen an eigene Erlebnisse kommen auf. Wie dieses: In der Mongolei erkundigte ich mich in der Wüste Gobi nach dem Flugplan. Die Antwort unseres Begleiters lautete: Das Flugzeug sehen wir doch und wenn nicht, dann hören wir es. Wenn es heute nicht kommt, dann morgen.

Finkernagel lässt sich überraschen, wen sie wo trifft. In Tadschikistan ist sie in der Region Kulob zu einer Hochzeit eingeladen. Die Suppe wird gereicht, aber ohne Löffel. Gegessen wird die mit Brotstücken, die man in die Suppe tunkt. Finkernagel läuft sie zwischen den Fingern hindurch. Diese Gewohnheiten halten sich auf dem Land hartnäckig. Vor Jahren war ich zu einer Hochzeit in der Hauptstadt Duschanbe eingeladen. Auch da gab es Suppe, aber neben den Tellern lagen Löffel. In Kirgisistan stecken die Gastgeber die Journalistin  in die Rolle der Schwiegertochter. Sie schnippelt Kohl, Kartoffeln und Zwiebeln und lernt „mit wenigen Zutaten tolle Sachen zu kochen.“ Arbeit, Arbeit von früh bis spät, die „Schwiegertochter rockt den Haushalt, so will es die Tradition, so ist die Kultur“, schreibt Finkernagel. In der Mongolei hieß es: Knie anziehen, als mit dem Auto durch einen Fluss gefahren wurde. Das war bei meinem Aufenthalt vor Jahren so und Finkernagel hat es auch so erlebt. Brücken hat sie dort nicht gesehen.

Mancher mag vielleicht über ihr „Ein eigenes Kapitel nur für das Bächlein“ die Nase rümpfen. Doch wer weiß, vor welchen Problemen Ausländer sich in dem Land beim „mal müssen in der Steppe“ gestellt sehen, nimmt ihre Ratschläge gern entgegen. Eine Ergänzung für den Pipi-Notfall während der Fahrt in der Steppe: Das funktioniert nicht nur hinter dem Auto, sondern auch hinter dem Bus. Mongolen werden sich nie nach hinten umdrehen, sitzen Ausländer im Bus, sollte man die „Anweisung“ erteilen: Alle schauen jetzt nur nach vorn!

Ein launiges, unterhaltsames und interessantes Buch. Für alle, die in diese Länder reisen möchten, bereits dort gewesen sind oder die nur von der Sofaecke aus andere Länder und ihre Kultur kennenlernen möchten.  Bernd Wurlitzer


Knesebeck, München, www.knesebeck-verlag.de, ISBN 978-3-95728-286-6,  240 Seiten, 16,00 Euro