Neulich in Berlin

Der Maler Max Liebermann und der Bildhauer Johann Gottfried Schadow sollen kräftig berlinert haben. Heute können das – kluge Leute haben das in einer Studie ermittelt – fast die Hälfte der unter 30-Jährigen nicht mehr. Einer der noch berlinern kann, ist der Journalist Torsten Harmsen. Das belegt er in seinen Beobachtungen aus dem Alltag, die er für die Leser der Berliner Zeitung festhält. Viele davon hat er in dem Buch „Neulich in Berlin“ zusammengefasst. Neulich war beim Fenster-Streit zu hören „Die quatscht ma´ne Beule an`t Kinn“, oder neulich beim Altentreff  „Hasste was  jesacht oder haste mit’m Jebiss jeklappert?“ Das sind zwei von den 120 „Neulich“-Harmsen-Geschichten in dem Buch. Es gibt also eine Menge zu lesen und noch mehr zu schmunzeln, beispielsweise, dass Lorke oder Plörre Bezeichnungen für dünnen Kaffee sind und wenn der Kellner fragt, ob er gut war, antwortet man „Nicht die Bohne“. Spricht man vom „kalten Kaffee“, dann ist damit eine uninteressante Geschichte gemeint, „ab in den Kahn“ ist die Aufforderung für Kinder, ins Bett zu gehen, aber „mach keene Dummheiten, Kleena, sonst kommste in´ Kahn“ war die Warnung vor dem Gefängnis. Nebenbei erfährt man auch ein wenig von der Berliner Geschichte, so zum Beispiel, dass Clärchens Ballhaus 1913 gegründet wurde und der Spruch „Mensch, da musste ja bis nach Motzen!“ an eine der letzten Postkutschen-Stationen auf dem Weg nach Sachsen erinnert. Motzen lag für den Berliner laut Harmsen „am Arsch der Welt“, ca. 45 km südlich von Berlin.

Wer von Atze, dem Bruder, Quanten, den Füßen und Rotzfahne, dem Taschentuch spricht, muss damit rechnen, eventuell nicht überall in Berlin verstanden zu werden. Denn Berlin ist sprachlich ein Flickenteppich. Eine andere Gegend, eine andere Generation und schon werden andere Wörter für ein und dasselbe genutzt. Beispielsweise die Schaffe, die zur Fete und später zur Party wurde. Torsten Harmsen legt vielfältige Geschichten vor, so vielfältig, wie die Stadt eben ist. Das Buch ist toll, es gefällt, auf berlinerisch: „Dit is dufte.“     Ralf Roland


be.bra Verlag Berlin, www.bebraverlag.de, ISBN 978-3-8148-0231-2, 224 Seiten,  14,00 Euro