Leben im sächsischen Wurzen

Ein Schriftsteller fährt in seine ostdeutsche Heimat, weil die Mutter nach einem schweren Schlaganfall im Krankenhaus liegt. Ziel ist Wurzen, eine kleine Stadt östlich von Leipzig, bekannt als Geburtsort des berühmten Joachim Ringelnatz. Es ist eine Reise in die Vergangenheit, die mit der Gegenwart verwoben wird. Bernd Wagner verbindet seine Kindheits- und Jugenderinnerungen in der Zeit des Nachkriegsdeutschlands mit der Zeit der DDR bis zum Jahr der „Sintflut in Sachsen“, der Hochwasserkatastrophe im Jahr 2002. Bei seinem Eintreffen im Elternhaus stellt er fest: „Die Küche sieht aus wie immer. Die Schiebetür zur Kochecke steht offen, im Sessel neben dem Radio liegt das Körbchen mit Nähzeug, auf dem Tisch die Leipziger Volkszeitung, aufgeschlagen die Lokalseite. Alles da, nur meine Mutter nicht. Auf dem abgewetzten Teppich entdecke ich einige Kaffeebohnen, die sie noch immer ungemahlen kauft und die, laut Christa, aus der Mühle geflogen sind, als meine Mutter der Schlag traf.“ Wagner erzählt die Geschichte einer Familie, seiner Familie, die Geschichte des Schmieds Wagner und seiner Frau, Bernd Wagners Mutter, seine Muttsch, verknüpft mit der Geschichte der Kleinstadt Wurzen. Es ist ein Eintauchen in eine Welt, die heute nur noch in historischen Filmen vorkommt, in kleinstädtische Verhältnisse, in eine Zeit mit Gaslicht und bullernden Kanonenofen, mit Anklagen wegen Wirtschaftsverbrechen. Wagners Familie hat sich im Osten, im sächsischen Wurzen, eingerichtet. Die Schlachtfeste mit der Wurstsuppe sind Höhepunkte im Jahresverlauf, man freut sich auf Rouladen mit Rotkraut und Klößen am Wochenende und über Pakete aus dem Westen mit Jacobs Kaffee, die den Vermerk „Geschenksendung, keine Handelsware!“ tragen müssen.

Der Autor verließ vor dem Mauerfall die DDR in Richtung West-Berlin, zu zwei seiner im Osten verbliebenen Geschwister, die sich im Arbeiter-und-Bauern-Staat emsig engagierten, besteht ein gespanntes Verhältnis. Auch darüber schreibt er in seinem autobiographischen Buch, das ein Panorama deutschen Lebens bietet. Nicht ausgeklammert wird die sächsische Mundart. Was sind Gusche, Hitsche, Dämmse, einditschen? Für viele West-Leser werden sich Fragen stellen, wer weiß zwischen Hamburg und München, was ein Intershop war und eine Kampfgruppenübung? Wer kennt dort die im Buch erwähnten DDR-Radsportidole Bernhard Eckstein, Täve Schur, Egon Adler, Erich Hagen und die Künstler Rolf Herricht und Eberhard Cohrs?

Bernd Wagner hat einen hinreißenden aktuellen Roman geschrieben, der später Geborene mit manchem Problem der deutschen Teilung bekannt machen dürfte wie die geschilderte Bahnreise zum Westbesuch über den Grenzübergang Oebisfelde, die abenteuerliche Züge hat. Mit Recht wird das Buch als bedeutend bezeichnet.  B. W.


Schöffling & Co., www.schoeffling.de, www.berndmaxwagner.de, ISBN 978-3-89561-142-1432 Seiten, 24,00 Euro