Honeckers letzter Hirsch

Ein aufwändig recherchiertes Buch! Was man ahnte oder zu wissen glaubte, wird garantiert beim Lesen übertroffen: Millionen DDR-Mark aus der Staatskasse flossen in die Jagdreviere von Honecker & Co. Nicht nur Mark der DDR, auch viele West-Mark. So wurden für Honecker und Wirtschafts-Chef Mittag acht Mercedes-Benz und Range Rover Geländewagen angeschafft, und einige unter größter Geheimhaltung in Westberlin zu Jagdwagen umgebaut. Das kostete insgesamt mehr als 1,7 Millionen DM. 304 Mitarbeiter arbeiteten für das Jagdvergnügen des SED-Generalsekretärs, der allein in seinem Jagdhaus Wildfang 32 Jagdwaffen besaß. Nach seiner Amtsenthebung eilte der jagdbesessene Honecker weiter in die Schorfheide, vielleicht auch, um die Schmach zu vergessen. Am 8. November 1989 gegen 17 Uhr erlegte er seinen letzten Hirsch, am nächsten Tag öffnete sich die Mauer und das DDR-Ende kündigte sich an.

Die DDR-Mächtigen schossen wie vor ihnen der Kaiser oder Göring und machten dabei Politik. Sie trafen sich im Kiefernwald mit Mächtigen der Welt, angefangen bei den Kremelherren Nikita Chruschtschow und Leonid Breschnew, über Franz-Josef Strauß und Herbert Wehner bis zu Oskar Lafontaine. Auch der Krupp-Manager Berthold Beitz ließ sich gern einladen und hofieren. „Honeckers letzter Hirsch“ – für Autor Helmut Suter steht er als Sinnbild für den Zusammenbruch der DDR. Honecker liebte es, ohne Personenschützer allein mit seinem Toyota in den Wald zu fahren, ohne je einen Führerschein besessen zu haben. Einmal kam er nach einer stundenlangen Odysee zu Fuß von einem Jagdausflug zurück – er hatte das Auto auf einen Baumstumpf gesetzt und bekam es allein nicht wieder flott. Zu seiner Sicherheit führte der mächtigste Mann der DDR eine Pistole vom Typ Makarow bei sich. Doch Vorsicht: Die ging bei einem seiner Ausflüge verloren und noch heute soll sie irgendwo im Waldboden der Schorfheide schlummern.   Bernd Wurlitzer


be.bra Verlag Berlin, www.bebraverlag.de, ISBN 978-3-89809-146-6, 224 Seiten mit über 175 Fotos, 20,00 Euro