Gesichter der Macht

Brauchen wir überhaupt einen Bundespräsidenten? Diese Frage taucht immer wieder auf. Nicht wenige meinen, es sei das überflüssigste Amt im Staat. Denn das deutsche Staatsoberhaupt hat so gut wie keine Macht, sondern überwiegend repräsentative Funktionen. Der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Karl-Rudolf Korte, der als Kommentator für das ZDF die Wahl von fünf Bundespräsidenten aus nächster Nähe begleitet hat, beschäftigte sich intensiv mit den Gestaltungspotenzialen des Bundespräsidenten. Korte hat Dokumente ausgewertet und mit Zeitzeugen gesprochen, er hat interviewt, analysiert und einen faszinierenden Blick hinter die Kulissen von Schloss Bellevue geworfen, dem Berliner Amtssitz des Bundespräsidenten. Das Ergebnis liegt in dem Essay „Gesichter der Macht“ vor. Der Autor beleuchtet alle Amtsinhaber, angefangen bei Theodor Heuss. Der Leser erfährt von deren persönlichen Handschriften und Prägungen. Mittelpunkt des Buches bildet jedoch der 12., der amtierende Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Korte beschreibt den Alltag im Schloss Bellevue, der mit der morgendlichen Lagebesprechung beginnt, wie die Bürgernähe inszeniert wird und wie das Präsidialamt arbeitet. Der Autor hat die Gestaltungsmöglichkeiten und Handlungsspielräume, aber auch die Grenzen des höchsten Staatsamtes ausfindig gemacht. Jeder der bisherigen Amtsinhaber hat auf ganz individuelle Weise die politischen Geschicke unseres Landes mitbestimmt. Jüngstes Beispiel ist Frank-Walter Steinmeier, der sich 2017/18 in den zähen Prozess der Regierungsbildung einschaltete, was schließlich zur Neuauflage der Großen Koalition führte. Wer das Buch liest, erfährt auch, wie vor dem Wahlvorgang hinter den Kulissen gekungelt wird und von Konflikten zwischen Bundespräsident und Bundeskanzler, so zwischen Heuss und Adenauer sowie Weizsäcker und Kohl.

Wieviel Euro würden wir sparen, wenn der Job des Bundespräsidenten wegfiele? Bundespräsident und Bundespräsidialamt kosten den Steuerzahler jährlich ca 36,5 Millionen Euro, nicht eingerechnet die rund 1,5 Millionen Euro jährlich für die drei Ex-Staatsoberhäupter. Im Vergleich: Bundeskanzlerin und Bundeskanzleramt verschlingen jährlich rund ca 2,8 Milliarden Euro.      R. R.


Campus Verlag, www.campus.de, ISBN 978-3-593-51038-5, 388 Seiten, 26,00 Euro