Gedenken und Mahnung

Rund zwei Millionen Menschen, Soldaten und Zivilisten verloren in Stalingrad, dem heutigen Wolgograd, ihr Leben, in der größten und blutigsten Schlacht des Zweiten Weltkrieges. Jahrzehnte später stand ich mit zwei Kolleginnen auf dem Mamajew-Hügel nördlich des Stadtzentrums, wo im Winter 1942/43 besonders brutal gekämpft wurde. Es war ein früher Januarabend, als wir die Ruhmeshalle betraten. Bitterkalt, draußen tobte ein Schneesturm. So war es auch im Januar vor 77 Jahren. Das Feuer in der steinernen Riesenhand flackerte an diesem Tag in der Dunkelheit gespensterhaft. Durch die runde Öffnung im Dach der Gedenkstätte heulte der Wind und mischte sich mit den Klängen der „Träumerei“ des deutschen Komponisten Robert Schumann. Zwei Soldaten hielten Ehrenwache, weitere Besucher gab es zu dieser späten Stunde nicht. Es war einer der bewegendsten Augenblicke in meinem Leben, Worte fand keiner von uns. Beim Herausgehen drückten wir, die Deutschen, unseren beiden russischen Begleitern die Hand. Die Gedenkstätte, die meistbesuchte in Russland, erinnert an die Schlacht von Stalingrad. Der deutsche Soldat Dieter Peeters hat seine Erlebnisse vor mehr als einem halben Jahrhundert unter dem Titel „Vermißt in Stalingrad“ aufgeschrieben. Er gehörte zu den 110 000 deutschen Soldaten, die in Gefangenschaft gerieten und von denen nur 6000 in die Heimat zurückkehrten. Peeters schreibt von der „Hölle“, von „Nahkämpfen auf Leben und Tod“, von den „lebenden Toten von Stalingrad“, von „zerlumpten menschlichen Wracks“, aber auch vom „verdammten Krieg“.

Aus den furchtbaren Ereignissen von damals haben die Mächtigen wenig gelernt, ich denke an Vietnam, an Afghanistan, an Syrien, den Jemen . . .  Peeters Schilderung geht unter die Haut, erstmals erschienen sie im Jahr 2005, die folgenden Auflagen hat er ergänzt und korrigiert. Jetzt liegt die 10. Auflage vor. Ob es bei den vorhergehenden Auflagen weitere Korrekturen gab, weiß ich nicht – der Verlag hat uns die 6. Auflage von 2012 zur Rezension geschickt. Wie dem auch sei: Dieter Peeter überlebte als einfacher Soldat den Kessel, das Todeslager Beketowka und sechs Jahre in Straflagern am Ural. Die schrecklichen Ereignisse haben ihn nicht losgelassen. Welche Kraft musste er aufbringen, sie aufzuschreiben! Dafür gebührt ihm großer Dank. Es ist erschütternd, was Menschen anderen antun können! Die Aufzeichnungen von Dieter Peeters lassen die Hölle von Stalingrad nicht in Vergessenheit geraten, sie sind nicht nur Gedenken, sondern hoffentlich auch Mahnung.    Bernd Wurlitzer


Zeitgut Verlag, www.zeitgut.de, ISBN 978-3-933336-77-4, 116 Seiten, 12,80 Euro