Die letzte DDR-Regierung

Den sperrigen Titel „Die Staatsmacht, die sich selbst abschaffte“ hat das Buch nicht verdient! 17 Minister der letzten DDR-Regierung kommen in Interviews zu Wort, beim Lesen der 448 Seiten zieht viel aus den turbulenten Wochen vor der Wiedervereinigung am Auge vorüber. Keiner dieser Frauen und Männer hatte vorher ein Regierungsamt bekleidet. Einige aus der letzten Garde fehlen in dem Buch, so Regine Hildebrandt (Arbeit und Soziales), Walter Romberg (Finanzen) und Horst Gibtner (Verkehr), weil sie bereits verstorben sind.

Nach den ersten freien und demokratischen Wahlen wurde am 12. April 1990 der Rechtsanwalt Lother de Maizière zum Ministerpräsidenten gewählt. „Ich hatte in der DDR-Zeit 160 Mandanten im Jahr, plötzlich hatte ich 16 Millionen“, ist von ihm zu lesen. 96 Gesetze hat seine Regierung bis zum 3. Oktober verabschiedet, 759 Kabinettsvorlagen debattiert und am Ende sich selbst abgeschafft. Nach 174 Tagen war Schluss, für manchen bereits früher, weil im August die SPD ihre Minister und Staatssekretäre zurückgezogen hatte. Man erfährt, dass die nicht in Berlin wohnenden Minister in den DDR-Regierungsgästehäusern Johannishof und Niederschönhausen untergebracht waren, und über die aus dem Westen gekommenen Berater äußert sich besonders knapp Medienminister Dr. Gottfried Müller: „Also, sie gingen mir auf die Nerven.“ Rudolf Schirmer, der Kulturminister meinte: „Als mein grauester Tag war der, als ich den Mitarbeitern sagten musste, dass sie entlassen werden . . . und einen Tag später bin ich derjenige, der sich selbst kündigt und einfach aus dem Rennen geht.“

Am Abend des 3. Oktober am Reichstag war Schirmer nicht dabei, wie auch manch anderer Kabinettskollege. Landwirtschaftsminister a. D. Peter Pollack fehlte, weil er „keine Einladung“ hatte, was er „ein bisschen schockierend“ fand. Dr. Christa Schmidt, die Ministerin für Familie und Frauen a. D., wird heute ab und zu angesprochen: „Und sage doch mal, wie das da war und so.“ Dann erzählt sie, sie sei am Abend nicht zum Reichstag gegangen, „weil ich der Meinung war, dass ich nicht irgendwo eingequetscht auf der Treppe oder irgendwo stehen wollte.“ Ihr erging es dadurch nicht so wie Sabine Bergmann-Pohl, die „ganz hinten in der Menge eingekeilt gestanden“ hat – „das war bitte die Präsidentin der Volksammer, kein Mensch hat sie beachtet, und sie hat sich gefragt, was sie dort soll.“ Die ostdeutschen Wendemacher waren an den Rand der Bühne gedrängt worden. Minister a. D. Schirmer war nach der Einheit arbeitslos, Ministerin a. D. Dr. Schmidt hat ihre Entlassungsurkunde von ihrem Fahrer erhalten. „Am 3. Oktober war ich dann ein Niemand.“ Daran hat sich wohl wenig in den folgenden 28 Jahren geändert: Wo sind die Menschen aus dem Osten in den Führungsetagen der Wirtschaft, in der Politik?      Bernd Wurlitzer


Mitteldeutscher Verlag, www.mitteldeutscherverlag.de, ISBN 978-3-95462-988-6,   448 Seiten, 25,00 Euro