Der letzte Zug nach Moskau

Seine Mutter Fanny war Jüdin, als Jugendlicher hatte das René Nymberg erfahren. In seiner Familie war das kein Thema. Später als Botschafter Finnlands in Russland und in Deutschland, fand er in den Unterlagen des Außenministeriums eine Notiz über sich „Mutter Jüdin, aber hat die Deutsche Schule besucht“. Als er Lena kennenlernte, die Tochter seiner Tante Mascha, die in Israel lebt, begibt sich Nymberg auf Spurensuche. Er erkundet die Geschichte seiner Familie, er forscht in Archiven, spricht mit Zeitzeugen, sammelt Familiendokumente und liest einschlägige historische Literatur. Herausgekommen ist ein Buch über Flucht, Vertreibung und Vernichtung der Juden, das in Finnland 2015 „Buch des Jahres“ wurde und jetzt auch auf Deutsch vorliegt.

Tante Mascha überlebte als Einzige des Rigaer Zweigs der Familie, weil sie im Sommer 1941, zwei Tage vor dem Einmarsch der Deutschen, mit ihrem Mann und zwei Koffern in den titelgebenden „Letzten Zug nach Moskau“ einsteigen konnte. Im Mittelpunkt des Buches stehen die beiden jungen Frauen Fanny, die Mutter des Autors und Mischa, die Cousine der Mutter, die vor dem Krieg schöne Zeiten miteinander verbrachten. Fanny überlebte, denn die Juden in Finnland blieben von dem großen Morden verschont, Mischa und ihr Mann Josef überstanden die Jahre in der Sowjetunion. 1944 kehrten sie ins menschenleere Riga zurück. Die Verwandten, die nicht flüchten wollten oder konnten, treffen sie nicht mehr. Die Eltern, die Geschwister. Die deutschen Besatzer erschossen rund 28 000 lettische Juden in den nahen Wäldern von Rumbula. Lena wurde im Februar 1945 als erstes jüdisches Kind nach dem Krieg in Riga geboren. Mischa und Josef wandern mit der kleinen Lena nach Israel aus, doch die Eltern fassen dort nicht Fuß. Da Josef deutsche Vorfahren hat, bestand ein Anspruch auf die deutsche Staatsangehörigkeit und eine Rente, beide verbringen den Lebensabend in Berlin-West.

Mit seinem gründlich recherchierten, faktenreichen Buch gibt Nyberg anhand seiner Familiengeschichte einen interessanten Einblick in die wenig bekannte, wechselvolle Geschichte der jüdischen Gemeinschaften in Lettland und Finnland. Ein ergreifendes, ein lesenswertes Buch.    Bewu.


dtv Verlagsgesellschaft, www.dtv.de, ISBN 978-3-423-28173-7, 240 Seiten, 22,00 Euro