Couchsurfing

Rund 14 Millionen Menschen sollen weltweit als Couchsurfer unterwegs sein: Sie suchen sich im Internet Gastgeber, die kostenlos eine Unterkunft bereitstellen und im Gegenzug bieten sie die eigene Couch an. Einer von ihnen ist Stephan Orth. Er tourt durch die Welt, um Fremde hautnah zu treffen. Seine Erlebnisse in Iran und Russland hat er bereits in als Buch veröffentlicht, jetzt erfahren wir, was er in drei Monaten im Reich der Mitte erkundet hat. China bezeichnete Orth in einem Interview als das „interessanteste Reiseland überhaupt. Diese rasante Entwicklung zu sehen und ein Gefühl dafür zu bekommen, was die Digitalisierung und die massenhafte Überwachung mit dem Alltag der Menschen machen, das hat mich interessiert“.  Total überwacht werden die Uiguren als muslimische Minderheit. Im Zentrum von Urümqi im Nordwesten des Landes erlebt Orth ihre totale Kontrolle. „Wenn du auf ausländischen Webseiten nach Informationen suchst, kommst du ins Lager. Wenn du Facebook oder Twitter benutzt, kommst du ins Lager“, erfährt Stephan Ort von Alim. 40 Prozent der Uiguren sollen sich in Umerziehungslagern befinden. Eins der unangenehmsten Erlebnisse hatte der Autor in dem kleinen Ort Wenshi: Die Eltern seines Gastgebers Charley schlachteten für ihn extra den Hund namens Xiao Bai. „Ein bisschen traurig sind wir darüber“, erläuterte Charley. „Andererseits wollen wir zeigen, wie gastfreundlich wir sind“. Wie schmeckte der Hund? Stephan Orth, der sich allzugern vor diesem Festmahl gedrückt hätte, meint, „wie eine Mischung aus Hund und Schwein, nur etwas deftiger“.

Orth warf einen Blick hinter die Kulissen der Supermacht und stellte erneut fest, dass man auch die Chinesen und die Politik der Staatsmacht besser versteht, wenn man in das Land fährt und sich umschaut. Er traf Menschen, die nicht dafür bezahlt werden, dass sie nett zu einem Ausländer sind, sondern die sich frei und offen äußerten. Um sie nicht in Gefahr zu bringen, hat der Autor im Buch ihre Namen geändert. Die Schummelei begann bereits beim Visaantrag im Hamburger Konsulat. Orth versicherte, kein Buch schreiben zu wollen und dass nur zwei Städte auf seinem Reiseplan stehen würden. Nacheifern dürften ihm die wenigsten, denn Individualtourismus in China schreckt viele unter anderem wegen der strengen Visapolitik und den Sprachbarrieren ab. Auch ist er nicht erwünscht, weil Touristen nur das kennenlernen sollen, was der Staat zu zeigen wünscht.      Bernd Wurlitzer


Piper Verlag, www.piper.de, ISBN 978-3-89029-490-2, 256 Seiten, 16,00 Euro