Mit Marco Polo auf Kreuzfahrt

      

Mehr als zwei Millionen Deutsche steigen jährlich auf ein Kreuzfahrtschiff. Die Schiffe sind schwimmende Hotels, manche haben mehr Passagiere als eine Kleinstadt Einwohner. Das Leben an Bord entspricht vielfach der entspannten Lebensart eines Ferienresorts. Diese Art, die Welt zu erkunden, fasziniert immer mehr Menschen. Kreuzfahrt-Reiseführer sind schon etliche auf dem Markt, doch nun mischt auch MairDumont mit und präsentiert die ersten sechs Marco-Polo-Kreuzfahrtbände. Kreuzfahrtschiffe legen auf einer Reise meist in mehreren Ländern an. Können die neuen kompakten Kreuzfahrt-Guides das Einpacken von manchmal fast einem halben Dutzend Länder-Reiseführer überflüssig machen, sofern man alle seine Ziele abdecken möchte?

Die Seereisenden sind in den letzten Jahren jünger geworden, 49,6 Jahre beträgt das Durchschnittsalter der Deutschen. Auf den wesentlich kleineren Flussschiffen dagegen kommen die 26- bis 40-jährigen auf weniger als 5 Prozent! Marco Polo aber peilt mit seinen Bänden neuerdings die 30-jährigen an, also jene, die ihr Smartphone nicht mehr aus der Hand legen. Diese Altersgruppe ist an Bord durchaus vertreten, vor allem auf den in der Karibik, zwischen den Kanarischen Inseln und im Mittelmeer kreuzenden Schiffen von Aida und Mein Schiff. Dort starten die jungen Leute auf den in den Häfen bereitstehenden Fahrrädern zu Aktiv-Bikingtouren, oder sie lassen sich zum Schnorcheln und Tauchen an die Strände bringen. Reiseführer? Fehlanzeige. Nur das Smartphone zählt.

An Bord der Schiffe, beispielweise bei Aida, gibt es für den Landgang gedruckte, kostenlose Informationen. Die sind zwar kompakt, aber meist sogar umfangreicher als die in den neuen Marco-Polo-Bänden. In denen fehlt es vor allem an praktischen Hinweisen. So interessiert es den Kreuzfahrer beispielsweise sehr, wo das Schiff anlegt oder wie man – wenn kein organisierter Ausflug gebucht wurde – vom Hafen in die Stadt und zu den Sehenswürdigkeiten kommt. Weniger von Interesse ist dagegen, wie im Kanaren-Band zu lesen, dass auf den Kapverdischen Inseln auf den Flughäfen WLAN-Empfang vorhanden ist. Der Schiffsreisende möchte wissen, wie es damit in den angelaufenen Häfen bestellt ist! WLAN auf Flughäfen ist nur dort von Interesse, wo Kreuzfahrten beginnen oder enden. Auch die Gesundheitshinweise zu den einzelnen Ländern verfehlen die Zielgruppe. Bei internationalen Schiffen ist es Pflicht, dass ab 100 Personen, Crewmitglieder eingerechnet, mindestens ein Arzt an Bord sein muss. Aida und Mein Schiff u. a. verfügen über bestens ausgestattete Hospitale, in denen Ärzte und Krankenschwestern sich um das Wohl von Gästen und Besatzung kümmern. In Notfällen organisieren sie die Weiterbehandlung an Land. Jeder Kreuzfahrer wird wohl bei einer akuten Erkrankung den Schiffsarzt konsultieren und nicht, wie es beispielsweise in den Praktischen Hinweisen zu Spanien, Norwegen oder Island empfohlen wird, sich nach dem nächsten Krankenhaus mit einer Notaufnahme erkundigen. Platz für mehr kreuzfahrttypische Informationen könnte man durch eine Kürzung bei Essen & Trinken gewinnen. Die Restauranttipps sind für einen Kreuzfahrer wegen der Vollpension auf dem Schiff meist nur am Rande relevant, sie könnten sich deshalb auf das Besondere, Landestypische beschränken. Bei Sehenswürdigkeiten und Museen werden Eintrittspreise genannt, aber ausgerechnet bei der Blauen Lagune in Reykjavik fehlt der. Dabei wäre es wichtig zu wissen, dass der Gast gegenwärtig happige 48 Euro pro Person berappen muss. In den Impressen sind rund ein Dutzend Autoren genannt – denn die Informationen sind vielfach vorhandenen Marco-Polo-Länder-Reiseführern entnommen – und es sind mehr als acht Bearbeiter erwähnt. Der bisherige Marco-Polo-Erfolg dürfte diesen Bänden beschieden sein, wenn das Zepter ein kreuzfahrterfahrener Redakteur in die Hand bekommt.  Bernd Wurlitzer


MairDumont, www.marcopolo.de, 132 bzw. 152 Seiten, 12,99 Euro

Kreuzfahrtkrimi: Niemandsblut

In der Nacht vom 13. zum 14. Dezember 1979 wurde Schloss Friedenstein in Gotha Ziel des größten Kunstraubes in der Geschichte der DDR: Die Diebe klettern die Regenringe hoch und hangeln sich mit Hilfe von Steigeisen zu einem ungesicherten Fenster in der dritten Etage. Sie entwenden fünf Bilder der niederländischen Malerschule, deren Wert heute auf 50 Millionen Euro geschätzt wird. Von den Bildern – der Raub ist seit dem Jahr 2009 verjährt – und den Dieben fehlt bis heute jede Spur. Um dieses Verbrechen rankt Krimi-Autor Jörg Böhm seine Geschichte. Er baut weitere Handlungsstränge auf, sodass der Leser mehrere der vielen Personen in dem Buch verdächtigen wird. Welchen Auftrag hat Heike Luckow? Welchen geheimnisvollen Auftrag führen die beiden auf dem Kreuzfahrtschiff  „Virgin of the Ocean“ tätigen Artisten aus? Was hat Robby Freitag, der auch auf dem Schiff arbeitet, mit den Bildern zu tun? Sollte Mario Marin vielleicht auch? … Und dann gibt es noch die Kommissarin Francesca in Florenz und Heike Luckows Freundin Miryam Dannenberg, die als kleines Mädchen im Prolog des Buches noch von Munkwitz heißt. Einige der Kreuzfahrtgäste sehen am Starttag ihrer Kreuzfahrt in der Kathedrale von Palma de Mallorca eine an das Altarkreuz genagelte Nonne. Im nächsten Kreuzfahrthafen auf Korsika werden sie Zeuge, wie der Schiffsgalerist Damian Wehling auf offener Straße überfahren wird. Wer hat den Arzt  Dr. Giuseppe Bianchi getötet? Er baumelte bereits von der Decke herab, als sich Kerstin Luckow in sein Haus in der Toskana schlich. Am Ende des Buches fügt sich wie immer alles zusammen.

Böhm hat einen packenden Krimi geschrieben, den noch eine angenehme Nebenerscheinung auszeichnet: Das Kreuzfahrtflair bei der Reise durch das westliche Mittelmeer dürfte manchen anstecken, der bislang noch keine Kreuzfahrt unternommen hat. Dadurch gelang es ihm wohl, das Unternehmen Aida mit ins Boot zu holen. Einmal ist dem Autor jedoch die Phantasie durchgegangen. Als Beweis, dass es sich bei dem Raub in Gotha um eine „Auftragsarbeit der SED-Führung“ handeln würde, dient ihm die Behauptung, die Täter hätten genau gewusst, wo sie welches Kunstwerk finden“. Das ist doch wohl bei jedem Kunstraub dieser Größenordnung in Ost und West so! So auch bei dem wohl spektakulärsten Kunstraub der jüngsten Zeit, dem Raub einer 100-Kilogramm schweren Goldmünze im Jahr 2017 aus dem Berliner Bode-Museum. Auch da sind die Diebe nicht dilettantisch vorgegangen.    Ralf Roland


Niemeyer C. W. Buchverlage, www.niemeyer-buch.de, ISBN 978-3-8271-9535-7, 352 Seiten, 13,00 Euro