Der Honecker-Enkel erzählt

Honeckers Enkel Roberto hat, gemeinsam mit dem Filmemacher Thomas Grimm, ein Buch geschrieben, das Einblicke in das Leben der einst mächtigsten DDR-Familie gibt und auch bislang unveröffentlichte Fotos zeigt. Zur Vorgeschichte: Der Vater des Enkels, Leonardo Yáñez, ist Chilene. Nach dem Putsch des Generals Pinochet 1973 stand er auf der Todesliste und fand wie viele andere Chilenen in der DDR eine neue Heimat. Hier lernte er Sonja kennen und lieben, die Tochter von Margot und Erich Honecker. Nach dem Mauerfall und dem Sturz der Honeckers reiste die Familie nach Chile. Enkel Roberto war da 15 Jahre alt. Margot Honecker, die einstige DDR-Volksbildungsministerin, lebte seit 1992 auch in Santiago de Chile, ihr Mann Erich reiste Anfang 1993 nach, nachdem in Deutschland der Prozess gegen ihn wegen seiner Krebserkrankung eingestellt worden war. Der Enkel, Maler, Lyriker und Musiker, der nach wie vor in Chile zu Hause ist, hat viel zu erzählen.  Er wohnte in der DDR mit seinen Eltern in einer Neubauwohnung in der Ostberliner Leipziger Straße, wo ihn Oma und Opa Honecker oft besucht haben. Die Personenschützer des SED –  Generalsekretärs und Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker blieben am Eingang zum Aufzug zurückbleiben, Margot Honecker hatte, wie alle Minister der DDR, keinen Personenschutz. Sie kam oft nicht mit ihrem Dienst-Tatra, sondern unerkannt, mit ihrem privaten Wartburg vorgefahren. Roberto besuchte wie jedes andere Kind die nahegelegene Polytechnische Oberschule, dennoch gab es eine Menge kleine Privilegien. So verbrachte er viele Wochenenden bei den Großeltern in der abgeschotteten SED-Politbürosiedlung Wandlitz und manche Sommerferien auf der ebenfalls abgeschotteten Ostseeinsel Vilm. Opa Erich nahm ihn mit ins Jagdhaus Wildfang, wo er von einem Range Rover einen Hirsch schießen durfte. Oma Margot war außer sich, als sie davon hörte und so war es Robertos erste und letzte Jagd. Der Enkel erinnert sich, wie ihn der Opa zu seinem 15. Geburtstag besuchte, einen Tag nach der ersten großen Leipziger Montagsdemo 1989. Er blieb nur kurz, überreichte Geschenke. Über das, was seinerzeit auf den Straßen der DDR passierte, wurde nicht geredet. Roberto: „Über Politik haben wir mit ihm generell nicht gesprochen. Das war so ein Tabu, was sich die Familie auferlegt hatte.“ Nach Honeckers Sturz endeten die Privilegien, Oma Margot und Opa Erich werden wie Verbrecher gejagt.

In Chile lebten die Honeckers in La Reina, einer Wohnsiedlung im Südosten der Hauptstadt. Ihre medizinischen Behandlungen kosteten Geld, auch das Haus musste abbezahlt werden. Unterstützt wurden die Honeckers von jenen, denen die DDR in der Vergangenheit die Hand gereicht hatte: Den Palästinensern mit Jassir Arafat, den Freunden aus Nicaragua mit Daniel Ortega, dem ANC mit Nelson Mandela in Südafrika, den Castros auf Kuba und Chilenen, denen die DDR nach dem Putsch 1973 Asyl gewährte. Der kubanische Liedermacher Rodriguez, ein Idol von Enkel Roberto, spendete das Honorar eines Konzertes den Honeckers. Von Roberto, der seit dem Tod des Opas 1994 mit der Oma in einer Wohngemeinschaft lebte, erfahren wir: Sie „machte sich in ihrem Haus in La Reina eine kleine DDR zurecht, und es galt die Moralskala des untergegangenen Staates. So wurde ich wieder von der DDR eingefangen, ich – ihr letzter Bürger.“ Das endete mit dem Tod von Oma Margot, die 89-jährig im Jahr 2016 verstarb.               Bernd Wurlitzer


Insel-Verlag, www.insel-verlag.de, ISBN 978-3-458-17748-7, 254 Seiten, 20,00 Euro

Unternehmer-Biographie

Die Drogeriekette Rossmann betreibt 3790 Filialen in Deutschland, Polen, Ungarn, Tschechien, Albanien und in der Türkei. 17.000 Artikel sind im Angebot. Dirk Roßmann gibt etwa 55.000 Menschen Arbeit und Brot, er gehört zu den reichsten Deutschen. Und dieser Dirk Roßmann legt jetzt seine Autobiographie vor. Der Leser erfährt, dass Roßmann gegen seinen Bundeswehr-Einberufungsbescheid Widerspruch einlegte, weil er mit 18 Jahren der Ernährer der Familie ist. Doch alles hilft nichts – Dirk Roßmann muss zur Bundeswehr. Aus Protest klettert er in Ausgehuniform auf den höchsten Baum der Umgebung, von dem ihn ein Feuerwehrmann nach sechs Stunden runterholt. Roßmann wird aus dem Militär entlassen und die Drogerie-Story kann beginnen. 1972 gründete Dirk Roßmann den ersten Selbstbedienungsladen für Drogeriewaren in Deutschland, seitdem gilt er als Erfinder des modernen Drogeriemarktes. Doch es gibt auch Roulette-Verluste, einen Beinahe-Bankrott und jahrelange Psychotherapie. Roßmann: „Es gab Tage, an denen ich nicht wusste, wie ich die Gehälter meiner Angestellten bezahlen konnte. Das Geld fehlte, und die Kredite waren bis zum Limit ausgeschöpft.“ Niederlagen spornen zu neuen Ideen an, beispielsweise Eigenmarken zu entwickeln. 30 sind es mittlerweile mit rund 4600 Artikeln, die es nur bei Rossmann gibt. Der Leitfaden des Unternehmers: Nicht nur ihm, sondern auch den anderen soll es gut gehen. So organisierte er 1991 eine Kolonne mit 19 Sattelschleppern, die Pakete mit Lebensmitteln geladen hatten, um Russen zu unterstützen, die beim Zusammenbruch der Sowjetunion bittere Not erlebten. Und er gründete die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung mit, die dem rasanten Wachstum der Weltbevölkerung entgegentritt. Auch in diesem Jahr weilte Roßmann in Afrika, um mitzuhelfen, in Uganda ein Projekt zu initiieren, das sauberes Trinkwasser, einkommensverbessernde Maßnahmen für Kaffeebauern und die Familienplanung beinhaltet.

Dirk Roßmann, der nur einen Volksschulabschluss hat, ist Inhaber der zweitgrößten Drogeriekette Deutschlands, Miteigentümer des Erstligisten Hannover 96, Freund von Ex-Bundespräsident Wulff und Tennispartner von Gerhard Schröder. Sein Vermögen wird auf zwei Milliarden Euro geschätzt. Roßmann ist bodenständig geblieben. „Meine Frau und ich haben keine Villen im Ausland und kein Lear-Jet. Wir wohnen in dem Haus, das wir vor 30 Jahren gebaut haben“, sagte er in einem Interview, im Buch ergänzt er: „Mein Auto ist acht Jahre alt, seine Aufgabe ist es, mich von A nach B zu bringen. Mein Handy ist ein alter Knochen, kein Smartphone. ich besitze weder eine Jacht noch einen eigenen Jet, noch nicht einmal einen eigenen Laptop“. Meist kommt der Selfmade-Milliardär in Jeans daher. „Anzug trage ich nur, wenn ich den Chef der Deutschen Bank treffe“, meinte er einmal. „Und auch dann ohne Krawatte.“    Bernd Wurlitzer


Ariston, www.randomhouse.de, ISBN 978-3-424-20192-5, 240 Seiten,  20,00 Euro