Lenas langer Weg zu sich selbst

„Ich bin das alles. Ich bin dieselbe. Und eine andere. Ich bin eine ganz normale Frau. Ich bin am Ende am Anfang. Ich bin da.“ Das sind die Schlussworte der Autorin, als sie nach zwei Monaten, rund 1300 km, 88 Tempeln sowie Eindrücken und Erlebnissen fürs Leben wieder am Anfang ihrer Pilgerwanderung steht. Der Kreis hat sich geschlossen.

Längere Zeit hat die junge Journalistin und studierte Japanologin Lena Schnabl an einer sie stark beeinträchtigenden Krankheit laboriert. Sie will die „Bestie“, wie sie ihre Erkrankung nennt, besiegen. Endlich soll alles besser werden und sie begibt sich auf dem Henro, dem japanischen Jakobsweg, auf die Suche nach dem glücksbringenden Nichts, oder besser auf die Suche nach dem eigenen Ich. Wird sie es finden?

Anschaulich und mit feinem Humor beschreibt die Autorin in ihrem Buch „Meine Suche nach dem Nichts“, was sie auf ihrer Pilgerreise über die Insel Shikoku erlebt: Stundenlang läuft sie auf heißem Asphalt, stapft durch strömenden Regen, klettert auf Berge, lauscht auf der Küstenstraße, flankiert von Tsunami-Warnschildern, dem Rauschen des Meeres, humpelt durch beängstigend dunkle Tunnel, immer Gefahr laufend von Lastern erfasst zu werden, betet und übernachtet in Tempeln, trifft Einheimische und andere Pilger. Blasen an den Füßen peinigen sie, die Schuhsohlen sind bald durchgelaufen. Mit den neuen, rosaroten Laufschuhen beginnt ein neues Laufgefühl. Sie vergisst irgendwo ihren Pilgerstock, der eine Woche später wieder zu ihr zurückfindet. Sie kuschelt sich abends nach dem Onsen-Besuch und dem Abendessen vor Erschöpfung in den onemaki, den „ehrenwerten Schlafwickel“ und schläft sofort ein. Um im Morgengrauen wieder loszulaufen! Oft überschreitet sie ihre körperlichen Grenzen. Meist geht Lena allein, denn jeder Pilger hat sein eigenes Tempo und seine eigenen Beweggründe. Einige Tage ist der Franzose R, wie sie ihn nennt, ihr Begleiter, den die Japaner gleich zu ihrem Ehemann auserkoren haben, und mit dem sie eine aufkeimende Liebe verbindet. Fürsorglich kümmern sich zufällige Bekanntschaften um das „verlorene Kind“, füttern Lena-san mit Leckereien und geben ihr viele Tipps.

Das Buch liest sich anfangs etwas schleppend, zunehmend aber spannend und interessant, es ist voller humorvoller Passagen und in leichter frischer Umgangssprache geschrieben. Gleichzeitig ist es auch ein Reiseführer und taucht tief in die Lebensweise, Mythen und Gewohnheiten der Japaner ein. Zudem lässt uns die Autorin an ihren persönlichen Gedanken, Gefühlen und Erkenntnissen teilhaben, eine wahrhaft interessante Mischung! Am Ende hätte ich mir eine kleine Statistik über den Pilgerweg gewünscht, damit ich noch mal verfolgen kann, was die Autorin geleistet hat. Auch ein kleines Glossar über die verwendeten japanischen Begriffe wäre hilfreich. Aber letztlich schmälert das in keiner Weise den Lese- und Erkenntnisgewinn.    Kerstin Sucher


Goldmann Verlag, www.goldmann-verlag.de, ISBN 978-3-442-15980-2, 416 Seiten, 14 Euro

Fettnäpfchenführer

 

 

 

 

 

 

 

Rasch kann man in einem anderen Land ins Fettnäpfchen treten und sich so als unwissender Ausländer outen, in Frankreich beispielsweise, wenn man beim Begrüßungsküsschen schmatzt und nicht weiß, wie oft man sich eigentlich küsst. Und in Russland, wenn man den Zebrastreifen nicht nur als Straßenschmuck betrachtet. Nicht wenige möchten offensichtlich blamagefrei durch die Welt reisen: Denn der Fettnäpfchenführer zu Frankreich liegt jetzt bereits in der 6. und der zu Russland in der 4. Auflage vor.

In amüsanter Weise schildern die Autorinnen Bettina Boucu und Johanna Links (Frankreich) sowie Veronika Wengert (Russland), wie sich viele Deutsche in diesen Ländern daneben benehmen – weil sie es nicht besser wissen oder weil sie die Sicht der Deutschen auf die Dinge als die einzig richtige betrachten. In beiden Büchern erfährt man, wie Franzosen und Russen ticken, deren Mentalität, Gewohnheiten und Eigenheiten. Aber man lernt auch etliches über das jeweilige Land. Die Benimmregeln sind in kurzweilige Geschichten verpackt. Im Frankreichband ist es die Austauschstudentin Paula, die bei einer französischen Familie weilt, während ihre Eltern und ihr Bruder Urlaub in der Bretagne machen. Und im Russlandband heißt der Protagonist Paul Müller, der beruflich in Moskau weilt und es gut hat, weil seine russische Assistentin Natascha versucht, manche Peinlichkeit zu verhindern. Nach jeder Story, 46 im Frankreich- und 39 im Russlandband, analysieren die Autoren „Was ist diesmal schiefgelaufen?“ und „Was können Sie besser machen?“

Die Fettnäpfchenführer sind Knigge, Roman und Reiseführer in einem. Es ist: „Die Buchreihe, die sich auf vergnügliche Art dem Minenfeld der kulturellen Eigenheiten widmet“, so steht es auf dem Rückdeckel. Die Bücher lesen sich unterhaltsam. Wahrlich bedauerlich, dass sie in Buchhandlungen viel zu selten zu finden sind und wenn, dann fallen sie durch das kleingedruckte „Fettnäpfchenführer“ auf dem Buchrücken kaum auf.   –er


Conbook Medien GmbH, www.conbook-verlag.de, 256–320 Seiten, 12,95 Euro

Dumont-Reise-Taschenbücher im neuen Gewand

 

 

 

 

 

 

 

Die DuMont Reise-Taschenbücher feiern Geburtstag. Seit 30 Jahren stehen sie in den Regalen der Buchhandlungen, liefern fundierte Hintergrundinformationen und unterhaltsame Geschichten, lassen den anspruchsvollen Leser tief ins Reiseziel eintauchen. Im Jahr 2016 hat DuMont die Reihe komplett relauncht, doch die Käufer konnten sich gar nicht so richtig an dieses neue Aussehen gewöhnen – in diesem Jahr startete schon wieder ein Relaunch. Die ersten 35 Bände liegen im neuen Gewand vor, darunter die Titel „Wien“ (Autor Walter M. Weiss) und „Kapverden“ (Autoren Susanne Lipps und Oliver Breda). Die neuen DuMont-Reiseführer sind wie gehabt nach Regionen bzw. Stadtvierteln gegliedert und bieten Tipps zu Sehenswürdigkeiten, Übernachtungen und Ausgehmöglichkeiten. Platzmäßig zusammengedrückt wurden die „Lieblingsorte“ der Autoren, ein Umgewöhnen ist auch bei den Touren und den Übersichtskapiteln angesagt, die nicht mehr „Das Beste auf einen Blick“ heißen – es genügte bislang wahrlich nur ein Blick, um alles zu erfassen – sondern jetzt „Eintauchen & Erleben“. Neu ist die „Zugabe“ am Ende jedes Kapitels, Lesenswertes enthält das umfangreiche „Magazin“ am Ende des Buches. Die Beträge reichen im Wien-Band beispielsweise von „Welthauptstadt der Musik“ bis „Ein Café, wie es sein soll“. Auf dem Cover stand bislang gut lesbar „Gratis-Download: Updates & aktuelle Extratipps der Autoren“. Dieser Hinweis rutschte in das Innere des Buches. Offensichtlich konnte der Verlag mit den Updates die Erwartungen der Leser nicht erfüllen.

Die Reise-Taschenbücher mit ihrer sachlichen, klar strukturierten Gestaltung fanden ihre Käufer vorwiegend unter anspruchsvollen, älteren Touristen. Mit dem Relaunch sollen sie erzählender, persönlicher, lockerer daherkommen. Damit hat der Verlag offensichtlich als Zielgruppe auch jene im Blick, die das Smartphone nicht mehr aus der Hand legen. Die neuen schrillen Rubriken „Überflieger“ und „Offene Fragen“ könnten auch im Marco Polo oder DuMont-direkt platziert sein. Neu ist nicht nur das Design, neu ist auch der Preis der Reise-Taschenbücher. Im Jahr 2004 kostete ein Band 12,00 Euro, für die relaunchten Bücher müssen im Jahr 2019 rund sieben Euro mehr bezahlt werden, nämlich 18,90 Euro.   Ralf Roland


MairDumont, www.dumontreise.de, 280-312 Seiten, 18,90 Euro