Flucht. Was Afrikaner außer Landes treibt

Cedrid Batende ist aus dem Kongo geflohen, wo seine Eltern ermordet wurden. Er ist einer von den rund 60 Millionen Menschen, die weltweit auf der Flucht sind. Die Kriege und Verfolgungen, Korruption und Terror außer Landes treibt, die mit falschen Hoffnungen in eine ungewisse Zukunft aufbrechen. Sie möchten dem Elend entrinnen, erhoffen sich bessere Lebensbedingungen mit vagen Vorstellungen wie sie Cedrid Batende hat, der Farmer in Deutschland werden möchte. Julius Kazungu, der aus Belgien nach Uganda zurückgekehrt ist, bringt es auf den Punkt: “Es gehen doch die Jungen, Ehrgeizigen, Kreativen weg und mit ihnen die Zukunft des Landes. Ich sage: Wir müssen nicht die Reichen in Europa noch reicher machen, sondern an uns, an unser Land denken.“

Die Autorin Winni Adukule, geboren 1977 in Kampala in Uganda, gehört zu den wenigen Afrikanern, die „an eine Zukunft des Kontinents glaubt“. Zehn Gespräche hat die Anwältin geführt, mit Fluchtwilligen, mit Rückkehrern, mit Vertretern ausländischer Organisationen wie dem deutschen Botschafter a. D. Klaus E. P. Holderbaum. Issac Senyonga, auch ein Rückkehrer nach Uganda, zieht ein gnadenloses Fazit. Was Europa jetzt erlebt, meint er, „ist das Resultat seiner verfehlten Außenpolitik von Jahrzehnten“.  Er wünscht sich produktive Investitionen. „Wenn sie hier Fabriken bauen würden“, meint er, „gäbe es keinen Grund, in die reichen Länder auszuwandern.”

Die Ursachen der Flucht gilt es zu bekämpfen, man muss, wie es die Autorin sagt, den Menschen „die Chance geben, ihre Lebensziele daheim verwirklichen zu können . . . Wer eine wirtschaftliche Zukunft in seinem Land hat, wird sie nicht in anderen Ländern suchen“. Das Buch sollte Pflichtlektüre aller Mitarbeiter im Entwicklungshilfeministerium und aller Abgeordneten des Deutschen Bundestages werden.     Ralf Roland


Das Neue Berlin, www.eulenspiegel.com, ISBN 978-3-360-01309-5, 240 Seiten, 14,99 Euro

Straße der Träume

Alles scheint unverändert: Die zur Bundesstraße 96 gewordene Fernverkehrsstraße 96 führt auch nach der Einheit Deutschlands immer noch von Sachsen durch Brandenburg und Berlin nach Mecklenburg-Vorpommern. Sie beginnt nach wie vor im Zittauer Gebirge und endet an der Ostsee in Sassnitz. Wie zu DDR-Zeiten bringt mich die Straße auch heute noch oft zu meinen Zielen, die B 96 ist für mich ein Stück Geschichte. Ich ziehe Vergleiche zu einst, oft fällt das schwer, denn das Einst ist vielem Neuen gewichen – verfallene Häuser wurden schön, graue Dörfer farbenfroh . . . Raphael Thelen und der Fotograf Thomas Victor machen uns in dem Buch „Ein Roadtrip auf der B 96“ mit Menschen und ihren Träumen bekannt, die die mehr als 500 Kilometer lange Straße im äußersten Osten miteinander verbindet.

Jeder, der an der Straße lebt oder sie entlangfährt, wird einen anderen Blickwinkel haben, anderen Träumen nachgehen. Die meisten Gesprächspartner von Thelen und Victor gehören zu jenen, deren Träume vielfach unerfüllt geblieben sind. Und von denen gibt es im Osten viel zu viele. Sie fühlen sich abgehängt, unbeachtet, sind voller Ängste und schreiten auf Pegida und die AfD zu. Mit einem Aufmarsch der menschenverachtenden Pegida-Bewegung fern der B 96 in Dresden beginnt das Buch. Die Autoren  machen aber auch mit Menschen bekannt, die sich Pegida und der AfD entgegen stellen, wie die Neubrandenburger Schuldirektorin Regina Stieger, der Zittauer Oberbürgermeister Thomas Zenker und manch andere, die Optimismus ausstrahlen und die Gemeinschaftssinn auszeichnet. Denn auch das ist der Osten!

Die längste Fernverkehrsstraße im Osten Deutschlands hat sich seit der Einheit verändert, es ist nicht nur das F, das zum B wurde, dass es weniger Schlaglöcher im Asphalt gibt und freundlichere Anblicke links und rechts. Verändert haben sich die Träume der Menschen. Etwa jeder fünfte Westdeutsche soll noch nie im Osten Deutschlands gewesen sein, wird behauptet. Vielleicht regt dieses Buch an, auch auf der B 96 auf Reisen zu gehen, Pegida und der AfD zum Trotz, um selbst einstige und gegenwärtige Träume von Menschen zwischen Zittau und Sassnitz zu erfahren und dadurch diese östliche Region Deutschlands besser zu verstehen.   Bewu.


be.bra Verlag Berlin, www.bebraverlag.de, ISBN 978-3-86124-715-9, 208 Seiten mit 70 farb. Abb., 18,00 Euro

Mecklenburgische Seenplatte

In der Mecklenburgischen Seenplatte versteckt sich hinter fast jedem Hügel ein See, mehr als 1000 sind es insgesamt. Und dazwischen winden sich grüne Alleen, die zu kleine Städten und Dörfern mit viel Sehenswertem führen. 88 davon hat Dorrit Bartel zu ihren Lieblingsplätzen auserkoren. Daran kann man nicht rütteln – es sind eben die Orte, die sie besonders mag. Dazu gehören solche Highlights wie Barlachs Skulptur „Der Schwebende“ (S. 65), die berühmter ist als der Dom in Güstrow, in dem sie hängt und das Güstrower Schloss (67), ein Juwel der Renaissancebaukunst. Diese beiden Sehenswürdigkeiten erwartet man erst recht bei Jana Jürss, die 111 Orte vorstellt, die man ihrer Meinung nach gesehen haben MUSS. Doch diese beiden Highlights fehlen ebenso wie die am besten erhaltene mittelalterliche Stadtbefestigung Norddeutschland  mit ihren wunderschönen Toren und Wiekhäusern in Neubrandenburg. Stattdessen avanciert in der Vier-Tore-Stadt (!) das Sportgymnasium (S. 128) zum MUSS wie auch der leerstehende Gefängnisbau in Strelitz-Alt (S. 194) sowie die nahegelegene ehemalige Landesirrenanstalt Domjüch (S. 196). Für Einheimische mögen das durchaus Tipps sein, wenig Bekanntes zu entdecken wie auch die Uwe-Johnson-Bibliothek in Güstrow (S. 80), das Dörfchen Rom (S. 164) und Mecklenburg-Vorpommerns kleinste Gemeinde Voigsdorf (S. 204), aber für Touristen, die erstmalig in der Seenplatte weilen?

Auch wenn beide Bücher keine typischen Reiseführer sind, eine gewisse Aktualität wünschte man sich doch. In beiden Büchern lernt der Leser die Ivenacker Eichen kennen. Doch mit keinem Wort wird auf den hier im Sommer 2017 eröffneten Baumkronenpfad mit seinem 35 Meter hohen Aussichtsturm hingewiesen. Für den Touristen können die beiden Bücher eine Ergänzung zum Reiseführer sein. Einen solchen über die Seenplatte wird sich wohl kaum ein Einheimischer kaufen. Der aber wird in den beiden vorgestellten Büchern mit Sicherheit fündig werden.    Bewu.


Lieblingsplätze zum Entdecken. Schwerin, die Müritz und das Seenland, Gmeiner Verlag, www.gmeiner-verlag.de, ISBN 978-3-8392-2285-0, 192 Seiten, 15,00 Euro

111 Orte an der Mecklenburgischen Seenplatte, die man gesehen haben muss,  Emons Verlag, www.emons-verlag.de, ISBN 978-3-95451-536-3, 240 Seiten, 16,95 Euro