Bummel durch eine verschwundenes Stück Zwickau

Der Reformator Philipp Melanchthon, Luthers engster Mitstreiter, bezeichnete Zwickau seinerzeit als „Perle in diesen Landen”. Heute würde das zumindest auf Zwickaus Altstadt zutreffen, doch deren schönster Teil ist verschwunden. Zwischen den beiden Weltkriegen und vor allem zu DDR-Zeiten völlig vernachlässigt, fielen über 200 Häuser ab 1971 der Abrissbirne zum Opfer. Diesen bereits schon vielfach vergessenen östlichen Teil der Zwickauer Innenstadt lässt Bernd-Lutz Lange in seinem Buch „Zwischen Altem Steinweg und Dresdner Tor“ lebendig werden, vor allem durch zahlreiche eigene Erlebnisse und durch Erzählungen von Zeitzeugen.

Mit einem Adressbuch von 1947/48 spazierte Bernd-Lutz Lange los und suchte nach verschwundenen Stätten, die ihm aus seiner Jugendzeit in Erinnerung geblieben sind. Lange wuchs wie ich in Zwickau auf. Vielleicht saßen wir damals sogar irgendwo nebeneinander, beispielsweise im „Vaterland-Lichtspiel-Theater“ (S. 23)? In den 1950er- und 60er-Jahren habe ich mir hier manchen Film angesehen und vor Beginn ein wenig stolz die Werbung betrachtet: „Rostei-Moden. Von Rostei gekleidet, von vielen beneidet …“. Das Geschäft und die Werkstatt meiner Eltern befand sich bis 1973 nur etwa hundert Meter vom Kino entfernt. Der Laden mit Geschäftsführerin Ruth Gerber befand sich im Haus Hauptstraße 4. Die Werkstatt, in der die Schneiderinnen um Meisterin Elli Jacob an den Nähmaschinen saßen, erreichte man vom Hauptmarkt aus. In diesem Haus hatte Fritz Alter sen. (S. 96) sein Atelier, bei Bernd-Lutz Lange jedoch im Haus Alter Steinweg 12. Vermutlich ist der „Lichtbildner“ später in das Gebäude dem Rathaus gegenüber gezogen, denn mit meinem Konfirmationsanzug wurde ich hier fotografiert. Den hatte Karl Huft im ebenfalls nicht mehr existierenden Haus Alter Steinweg Nr. 5 geschneidert (S. 32). Die Schultern mussten, wie damals üblich, monströs ausgepolstert sein. Darüber debattierten mein Vater und der Schneidermeister, ist mir in Erinnerung geblieben. Auf dem Heimweg gab es vielleicht einen  Halt zum Torteessen im nahen legendären „Café Buschbeck“ (S. 35), das damals schon Theatercafé hieß und seit Jahrzehnten nur noch auf Ansichtskarten existiert. Der Name Theatercafé war auch bei uns nicht geläufig, so wie man in der parallel verlaufenden Hauptstraße zu DDR-Zeiten nicht in das Konsum-Kaufhaus ging, sondern weiterhin zu „Schocken“. Die Handwerker hatten ihren Stammtisch am Neumarkt (S. 31), las ich bei Lange. Die Gewerbetreibenden – so Samen-Haubensack, Optik- und Radio-Börner, Kunsthandwerk-Ladeninhaber Steuwer – trafen sich im Hotel Merkur in der Bahnhofstraße. Sonntags ging unsere Familie zum Mittagessen dorthin, das ich nicht in bester Erinnerung habe: Ich mussste den Huft-Anzug anziehen, in dem ich mich gar nicht wohl fühlte, bei der persönlichen Begrüßung durch Hotelinhaber Huhndorf durfte ich den Diener nicht vergessen und hatte brav mit „Guten Tag“ zu grüßen, was in meinen Ohren ungewöhnlich klang, weil unter meinen Freunden – wie es der Autor schreibt (S. 26) – „Glück auf“ üblich war.

Langes Buch erschien in der Verlagsbuchhandlung von Marx in der Äußeren Plauenschen Straße Zwickaus. Von meinem Taschen- und späteren Lehrlingsgeld habe ich manche DDR-Mark in dieser Buchhandlung gelassen. Gedruckt hat das Buch Förster & Borries, wo einst mein Vater seine Rostei-Moden-Firmendrucksachen anfertigen ließ, zumindest bis 1972, bis zur Zwangsverstaatlichung des Unternehmens unter dem Namen VEB Graphische Werke Zwickau.

Ein Kabarettprogramm auf die Bühne zu bringen ist zeitaufwändig, dürfte Bernd-Lutz Lange bestätigen. Doch die Fakten für dieses Buch zusammenzutragen und es zu schreiben, dürfte für ihn um ein Vielfaches aufwändiger gewesen sein. Jedem Zwickauer sei das Buch mit seinen vielen historischen Fotos empfohlen, das jetzt in der 2. Auflage erschienen ist.    Bernd Wurlitzer


Buchhandlung & Verlag E. Walter Marx Nachf., www.buechermarx.com, ISBN 978-3-9820127-1-1, 136 Seiten, 19,90 Euro