99 x Berlin

13,5 Millionen Touristen besuchten im Vorjahr Berlin. An den Hauswänden mehren sich die Graffitis gegen den Tourismus: „Tourists go home“ steht dort. Die Stadt ist bei weitem nicht die einzige mit genervten Einheimischen, weil zu viele Fremde durch ihre Straßen schlendern. Touristen sehen das oft selbst so: Bei einer Umfrage in 24 Ländern gab ein Viertel der Befragten an, dass ihnen ihr Besuchsziel zu überlaufen gewesen sei. “Overtourism” sagen die Touristiker dazu – Übertourismus – und überlegen, wie man die Touristenströme anders lenken kann. Im „Tourismuskonzept 2018 +“ für Berlin steht: Die Vielfalt Berlins finde sich in den Kiezen, in den Bezirken – diese Potenziale sollen künftig stärker in den Mittelpunkt gerückt werden. Die Tourismusströme sollen von den Innenbezirken hin zu den Außenbezirken entzerrt werden. Aber wer aus Tokio oder New York das erste Mal nach Berlin kommt, der möchte das Brandenburger Tor und den Reichstag sehen und nicht unbedingt das Köpenicker Rathaus, auch wenn er von dem schon durch den Hauptmann von Köpenick gehört hat. Doch 66 Prozent kommen zum wiederholten Male und die könnte Tina Gerstung mit ihrem Buch „99x Berlin“ neugierig machen. Sie zeigt Berlin, wie man es noch nicht kennt, führt zu versteckten Orten wie der Dachterrasse des Hotel Amano in der Auguststraße 43, die mit leckeren Cocktails lockt, macht auf besondere Erlenbisse neugierig wie die finnische Sauna auf dem Floß, das auf dem Müggelsee schwimmt und schildert skurrile Begebenheiten, zu denen gewiss das Übernachten im ehemaligen Rummelsburger Gefängnis gehört, in dem in den letzten DDR-Monaten der Chef des Arbeiter- und-Bauern-Staates, Honecker und sein Geheimdienstminister Mielke einsaßen. Viele der 99 Tipps dürften auch für viele Einheimische interessant sein. Einen würde ich aber nicht einmal denen empfehlen: Die sich hinter dichten Grün versteckenden Ruinen des ehemaligen Kinderkrankenhauses in Weißensee.  Bewu.


Bruckmann, www.bruckmann.de, ISBN 978-3-7343-1254-0, 192 Seiten, 14,99 Euro