Reiseführer Usedom-Wollin

Wer die Usedom-App auf sein Handy geladen hat, verfügt über die neuesten Daten, wer den Trescher-Reiseführer in der Hand hält, trägt dagegen viele veraltete Infos mit sich herum: das oft genannte Muschelmuseum in Heringsdorf hat für immer geschlossen, das Usedom Baltic Festival das Zeitliche gesegnet, die Usedom Tourismus GmbH befindet sich nicht mehr in Bansin und die Seetel-Gruppe hat bereits 2010 nach dem Weggang von Ralf Haug das  Atlantic in Bansin als Gourmetrestaurant aufgegeben, die anspruchsvolle Küche setzt Sternekoch Tom Wickboldt nun in Heringsdorf fort. Veraltete Informationen zu verkaufen, das ist (leider) das Schicksal aller Print-Reiseführer. Sie können mit dem Internet und den Apps nicht mithalten! Umso korrekter sollten die anderen Informationen sein.

Als die Bodenreform unter der Losung „Junkerland in Bauernhand“ stattfand (Seite 50), war an die 1949 gegründete DDR noch nicht zu denken. Die Bodenreform erfolgte also nicht in der DDR, sondern im Herbst 1946 in Mecklenburg-Vorpommern, das damals zur Sowjetischen Besatzungszone gehörte. NVA (Seite 50) war nicht die Abkürzung für Nationale Verteidigungsarmee, sondern Nationale Volksarmee und Ferdi (Seite 44) hieß nicht der Feriendienst des FDGB, sondern so nannte sich eine in der Nachwendezeit gegründete GmbH, um gewerkschaftliches Vermögen zu sichern. Als Karl Schichlein 1996 in Zempin seinen Laden schloss, ließ er die 1928 in Swinemünde gebaute Einrichtung zurück. Im Museum ist also das Original zu sehen und keine Rekonstruktion (Seite 105). Leser mit DDR-Hintergrund werden sich über die Formulierung „Buden der Außer-Haus-Verkaufsstellen“ wundern, und dass sie nicht zum Essen, sondern zur „Nahrungsaufnahme“ (Seite 48) gingen.

Zu den Erfolgsgeschichten der deutschen Einheit gehört die Usedomer Bäderbahn, die nach der Einheit vor dem Aus stand. Doch die Autoren schenken ihr kaum Aufmerksamkeit. Da verwundert es nicht, dass auf den Karten die Staatsgrenze Endpunkt ist, obwohl die Bahn seit 2010 bis ins Zentrum von Swinemünde rollt. Zum Schluss ein Bilderrätsel, das von der Layouterin gewiss nicht als solches gedacht war: Das Foto auf der Innenklappe der Rückseite zeigt die Ahlbecker Seebrücke mit strahlend rotem Dach, auf den Seiten 5, 137 und 138 ist es dagegen braun.

Aus der renommierten MERIAN live-Reihe verschwand der Usedom-Band, der Verlag begründete das mit einem zu geringen Abkauf. Ob der Trescher-Reiseführer diese Lücke füllen wird, zeigt sich, wenn es eine 2. Auflage geben sollte, dann aber hoffentlich auch mit überarbeiteten Reisetipps, in denen zwischen Deutschland und Polen getrennt wird.  Ralf Roland


Trescher Verlag, www.trescher-verlag.de, ISBN 978-3-89794-306-3, 228 Seiten,  9,95 Euro