Österreich und die DDR 1949-1990

Österreich war in der DDR allgegenwärtig:  Für den normalen Bürger ein quasi vor der Haustür liegendes Land, das aber zu den unerreichbaren Reisezielen gehörte. Für die Mächtigen in der DDR war es politisch und wirtschaftlich von enormer Bedeutung. Das erfährt man durch das Buch, das die Beziehungen zwischen beiden Ländern während des Kalten Krieges umfassend darstellt. Österreich unterstützte die DDR mit erheblichen Krediten, die DDR erteilte Großaufträge für die verstaatlichte Industrie Österreichs. Mit Bundeskanzler Bruno Kreisky reiste 1978 der erste westliche Regierungschef in die DDR, Honecker unternahm 1980 seine erste Westreise – nach Österreich, das als erstes westliches Land die DDR-Staatsbürgerschaft anerkannt hatte.

Wie sehr beide Staaten an guten Beziehungen interessiert waren, lernte ich selbst kennen. Als freier DDR-Journalist „organisierte“ ich mir eine Einladung der Tourismuszentrale Wien. Die DDR-Behörden lehnten es allerdings ab, mir ein Ausreisevisum zu erteilen. Ich verwies auf die engen Beziehungen beider Länder und stellte die Frage: „Soll ich nach Wien schreiben, ich darf nicht fahren?“  Das wollte man nicht, das Visum wurde erteilt. Als ich im Jahr darauf eine Einladung von Wiens damaligen Bürgermeister Helmut Zilk bekam – einem der markantesten Politiker seines Landes, der Honecker persönlich kannte – gab es mit dem Ausreisevisum kein Problem. Und in Wien? In der Gästewohnung des Magistrats erwartete mich ein gefüllter Kühlschrank, darauf lag ein Umschlag mit Geld (!) – weil bekannt war, ich kam mit dem Privatvisum und demzufolge nur mit 15 DM in der Tasche –  und es gab ein volles Programm sowie ein herzliches, offenes Gespräch mit  Landeshauptmann Zilk.

Das Buch ist gewichtig, keine Lektüre, die man in der Badetasche an den Strand trägt oder in die man abends im Bett schaut. Wer vor allem beruflich viel reist, interessiert sich meist auch für die Politik dieser Länder, das Buch, verrät, was und wie die hinter den Kulissen abläuft. An den Methoden dürfte sich wohl bis heute nichts geändert haben.   Bernd Wurlitzer


Verlag der österreichischen Akademie der Wissenschaften, 656 Seiten, ISBN 978-3-7001-7951-1, 79 Euro