Des Kaisers Schloss

Familienidyll und kaiserlicher Glanz. Mit dem macht uns Jörg Kirschstein bekannt. Er stellt in einem reich bebilderten Buch das Neue Palais in Potsdam vor, das von 1888 bis zum Ende der Monarchie 1918 den glanzvollen Mittelpunkt des politischen und gesellschaftlichen Lebens im deutschen Kaiserreich bildete. Errichtet hatte das Schloss König Friedrich II. (der Große) als Prestigebau nach Ende des Siebenjährigen Krieges, er selbst nannte es Fanfaronade – eine Angeberei, Prahlerei. Als Wohnschloss genutzt haben das Neue Palais Kaiser Friedrich III. (der 99-Tage-Kaiser) und vor allem Wilhelm II. Mit ihren Familien lebten sie den größten Teil des Jahres in dem friderizianischen Schlossbau. Die meisten Potsdam-Besucher lassen jedoch das gewaltige Neue Palais, eine Dreiflügelanlage mit einer Frontlänge von 220 Metern, links liegen.

In einer immensen Fleißarbeit hat Jörg Kirschstein die Einrichtung der privaten Wohnräume ermittelt, sowie den Tagesablauf der Kaiserfamilie und die Festlichkeiten. Wir erfahren von ihm, dass der Prachtbau über die modernste Technik der damaligen Zeit verfügte. So baute man in den 1890er Jahren eine leistungsfähige Zentralheizung ein und 1904 einen Aufzug. Das bereits in den 1860er Jahren eingerichtete Telegraphenbüro wurde 1905 um ein Postamt ergänzt, ab 1911 war elektrisches Licht vorhanden und 1913 hatte man 30 Bäder mit Toiletten und Wasserspülung. Wie heutzutage gab es auch damals schon Sicherheitsmaßnahmen. Weilte die kaiserliche Familie im Neuen Palais, wurde es weiträumig abgesperrt, das Militär kontrollierte und während dieser Zeit waren im Schloss keine Besichtigungen möglich. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges flüchtete das Kaiserpaar in die nahen Niederlande, wo ihnen Königin Wilhelmina Asyl gewährte. Die preußische Regierung genehmigte großzügig den Abtransport privater Einrichtungsgegenstände, 59 volle Eisenbahnwaggons rollten bis 1920 in das niederländische Exil. 1925 gab es eine zweite Welle, die die „der Jahre 1919 und 1920 bei Weitem“ übertraf, wie wir von Jörg Kirschstein erfahren. Dennoch fasziniert das Neue Palais auch heute mit seinen Einrichtungsgegenständen.   B. W.


be.bra Verlag Berlin, www.bebraverlag.de, ISBN 978-3-86124-690-9, 192 Seiten, 26,00 Euro