Der vergessene Mord

Dr. Rolf Lohbeck ist zweierlei gelungen: Er hat ein spannenden Krimi geschrieben und er hat es verstanden, sein Cliff Hotel in Sellin und seine Brauerei in Görlitz in den Fokus zu rücken. Wer es bislang noch nicht wusste, der weiß es jetzt: Im Cliff  Hotel in Sellin auf Rügen gibt es hauseigene Bademäntel und ein „opulentes Frühstücksbuffett“. Was sogar stimmt. Ansonsten ist dem Autor oftmals die Phantasie durchgegangen, um es vorsichtig auszudrücken.  Auf Seite 203 lässt Rolf Lohbeck eine seiner Figuren sagen, es sei ein „himmelweiter Unterschied“, ob man sein Wissen nur aus Geschriebenem oder aus eigenem Erleben habe. Der Autor lebt im Westen und schaut mit engem Westblick auf den untergegangenen deutschen Staat namens DDR. Hatte er keinen Lektor? Es hätte allerdings einer sein müssen, der beide Systeme kennt, um solche Fehler auszumerzen, wie, dass Honecker 1971 Ulbricht als Staatsratsvorsitzender folgte. Das war bekanntlich 1973 Willi Stoph. Oder was ist das „Einheitskomitee, das ZEK“? Gemeint sein dürfte das Zentralkomitee der SED. Peinlich sind etliche Geschichtsverdrehungen: August der Starke machte nicht im 16. Jahrhundert Dresden zur Kunststadt, sondern im 18. Jahrhundert, Schloss Sanssouci steht nicht in Berlin, sondern in Potsdam und Ravensbrück war ein Frauen-KZ, man dürfte Lohbecks Figur Werner Hellberg also dort nie eingesperrt haben. Lohbeck, der das Franco-System lobt und für den der „mörderische Staat im Osten“, also die DDR, „ein Konzentrationslager für achtzehn Millionen Menschen“ war, behauptet ferner, die DDR-Volksbildungsministerin – bei Lohbeck „der blaue Drachen“ – habe im Cliff Hotel ein Büro gehabt. Wer soll das dementieren? Höchstens Mitarbeiter aus jener Zeit und die behaupten, Margot Honecker – die gern mit ihrem Mann auf der nahen Insel Vilm urlaubte – sei nur einmal in dem Hotelklotz gewesen. Mancher ehemalige SED-Genosse wird beim Lesen mit Wehmut daran denken, dass sein Antrag für einen Verwandtenbesuch im Westen Deutschlands abgelehnt wurde, er es sich gewünscht hätte, was Lohbeck behauptet, nämlich dass die zweieinhalb Millionen SED-Mitglieder, die „sogenannte Nomenklatura“, reisen durfte, sogar ins kapitalistische Ausland. Was so pauschal nicht stimmt! Einer wird das Buch allerdings mit Wonne verschlungen haben: Cliff-Hoteldirektor Peter Schwarz, bei Lohbeck „Herr Weiß“. Der Autor bescheinigt seinem Hotelchef, den er allerdings im Buch sterben lässt, „Das Hotel hat einen guten Mann verloren, wirklich schade um ihn“. In diesem Fall, was den „guten Mann“ betrifft, kann man Lohbeck nur zustimmen.   B. W.


Karin Fischer Verlag, www.karin-fischer-verlag.de, ISBN 978-3-8422-4251-7, 350 Seiten, 17,99 Euro